Strukturierte Gewalt – Teil 7: Gewalteffekte

Klarheit durch Verständnis

Kämpfen ist eigentlich ganz simpel. Die Erzeugung und Übertragung kinetischer Energie in einen anderen Körper. Auf die Fresse hauen, bis der Andere nicht mehr kann oder nicht mehr will. Selbstverteidigung ist schon komplizierter. Wann schlägt man, welches Ziel will man erreichen, etc.

Wir können physische Gewaltanwendung auf der taktischen Ebene aus zwei Blickwinkeln betrachten:

  1. Welche Ziele werden attackiert?
    Ob Du jemandem eine Backpfeife gibst oder Deinen Finger in sein Auge rammst, sind sehr unterschiedliche Arten der Verteidigung. Beides ist legitim und hat seinen Platz. Über die Ziele können wir unsere kämpferischen Aktionen strukturieren.
  2. Welche Effekte entstehen durch die Kraftübertragung?
    Menschliche Körper reagieren unterschiedliche auf Krafteinwirkung. Beeinflussend ist der körperliche und mentale Zustand, die Kraftmenge, der Übertragungswege und andere Faktoren.

Es gibt nur vier grundsätzliche Wege aus einer Gewaltsituation heraus, aber unendliche taktische Umsetzungen. Physische Gewalt aus den zwei Perspektiven zu betrachten, entschlackt Dein Technikrepertoire und erleichtert eine Anwendung unter Stress. An dieser Stelle untersuchen wir, welche Effekte die Auswirkung von physischem Zwang auf einen menschlichen Körper hat.

Das Vier-Stufen-Modell

Ich habe die Unterteilung in vier Kategorien aus der Arbeit von Rory Miller1 kennengelernt und ich benutze dieses Modell an vielen Stellen. Wie alle Modelle ist es keine hundertprozentige Abbildung der Realität, sondern ein funktionelles Werkzeug. Solange es hilft, muss es nicht exakt sein.

Die vier Stufen stehen in einer gewissen Hierarchie. Man kann jemand bewegen, ohne ihn zu verletzen, aber niemanden verletzen, ohne ihn zu bewegen. Trotzdem gibt es gewisse Graubereiche zwischen den Stufen, wobei wir auf den wichtigsten zwischendurch eingehen.

Es ist nicht möglich, Kraft auf einen Körper einwirken zu lassen, ohne Bewegung zu erzeugen. Zu Abstrakt. Du kannst keine Technik benutzen, ohne den anderen zu bewegen. Vielleicht hat der Anwender zu wenig Kraft, um eine sichtbare Bewegung zu erzeugen (20 kg Kind haut 200 kg Muskelberg), aber ein Teil des Körpers (Haut, Muskel) wird sich bewegen.

Meistens entsteht eine sichtbare Bewegung bei jedem Schlagen oder Treten. Bewegung ist nicht mit Abstand gleichzusetzen. Vielleicht verdreht sich nur der Kopf des Gegners, nachdem man ihn geschlagen hat. Diese Bewegungsformen basieren auf der Beschleunigung der Körpermasse.

Bei Griffen entsteht auch eine Bewegung, allerdings scheint der Gegriffene eher fixiert zu sein. Am Auflagepunkt des Griffs wird die Haut oder der Muskel verformt. Eine elegante Variante des Griffs ist ein Hebel, wobei der meistens auf zwei gegenläufigen Bewegungen basiert, die den Gegner in einen schmerzhaften Haltegriff zwingen. Abschließend zu Bewegung: Man kann im Kampf den anderen nicht immer effektiv verletzen, aber man kann ihn immer bewegen und sich somit bessere Optionen erarbeiten.

Kommen wir zum Schmerz. Die Erzeugungsmöglichkeiten sind enorm vielfältig. Schmerzen sind in diesem Modell erstens alle Wirkungen, die aufhören, sobald die Krafteinwirkung nachlässt. Ein gutes Beispiel dafür sind Nervendruckpunkte. Sie können sehr wehtun, wenn der Druck erfolgt. Sobald der Druck nachlässt, ist auch der Schmerzreiz aufgehoben.

Zweitens fallen unter Schmerz alle Aktionen, die zwar längerfristig sind, aber keinen einschränkenden Effekt haben. Ein Kratzer bleibt für einige Tage, vermindert aber nicht die Fähigkeit des Gegners, seinen Körper zu nutzen. Meiner Meinung nach fallen auch gebrochene Nasen und Angriffe zu den Genitalien in die Schmerz-Kategorie. Beides kann zu dauerhaften körperlichen Schäden führen, aber im Kampf hindert es die Körpermechanik des Gegners nicht nachhaltig. Diese Angriffe liegen in der Grauzone zwischen Schmerz und Schaden.

Schmerzen sind psychologisch und deshalb unzuverlässig. Jeder Mensch empfindet Schmerzen anders. Was den einen weinend auf den Boden schickt, erzeugt beim anderen nur ein müdes Lächeln. Schmerztoleranz wird von Erfahrung, Mentalzustand und dem Einsatz in der jeweiligen Situation beeinflusst. Aus diesem Grund eignen sich Schmerz nur bedingt für die Selbstverteidigung. Sie können jedoch sehr effizient als Kontroll-Strategie funktionieren, wenn ein Polizist einen Verdächtigen fixieren und festnehmen möchte.

Schaden hingehen ist sehr effizient für die Selbstverteidigung. Die dauerhafte oder kurzfristige Beschädigung bedeutender Körperfunktionen begrenzt unabhängig, vom Aggressionsniveau die Fähigkeiten des Gegners. Mit einem zerstörten Kniegelenk kann man nicht laufen. Hier muss schon ein „aber“ kommen. Menschen sind extrem widerstandsfähig und können bei richtiger Motivation auch mit schwersten Verletzungen noch aktiv handeln oder sogar andere töten. Allerdings sind dies auch die Extremfälle.

Die meisten Angreifer geben auf, sobald sie ein gewisses Maß an Schaden erleiden. Mein Standardbeispiel, um Schaden zu erklären, ist der Fingerbruch. Wenn Du einen Finger Deines Gegners brichst, dann wird seine Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Er kann nicht mehr richtig greifen. Zudem tut es auch verdammt weh und seine Hand wird sich bewegen. Der alleinige Schaden durch einen Fingerbruch wird wahrscheinlich nicht ausreichen, um die Bedrohung auszuschalten.

Schaden ist sehr viel verlässlicher, als Schmerz. Trotzdem kann man nie wissen, wie genau ein Mensch reagieren wird. Schmerz und Schaden können beide auch zu einer Steigerung der Aggressivität führen und zur Ausschüttung von Adrenalin. Schaden kann sehr gut gestapelt werden, damit der Effekt steigt.

Wenn Schaden nicht ausreicht, dann hilft nur noch Schock. Gemeint ist das komplette Deaktivieren eines zentralen Körpersystems. Ein Würger unterbindet die Luftzufuhr. Stiche können über den Blutverlust zu einem Volumenmangelschock führen. Massive Gewalteinwirkung aufs Genick oder die Wirbelsäule schädigen die wichtigsten Nervenbahnen.

Das Verursachen von Schock ist nicht immer einfach, aber die Wirkung ist relativ konsistent. Ohne Luft kann niemand kämpfen, ohne Augen niemand sehen. Ab welchem Punkt der individuelle Körper zusammenbricht, ist nicht vorhersagbar.

Praxis

Das Modell hilft uns, Training vernünftig auszurichten. Haben wir Werkzeuge, um auf jeder Stufe zu operieren? Wird thematisiert, wann welche Stufe angebracht ist? Wie wechselt man von Bewegung zu Schmerz zu Schaden? Gut strukturiertes Wissen führt zu gut strukturiertem Unterricht.

Darüber hinaus kann mit diesem Modell unter Stress entschieden werden, was zu tun ist. Du arbeitest mit Schmerzen, aber Dein Gegner lässt nicht nach. Wechsel aufs Schadensniveau. Zusätzlich wird ein Weg vorgegeben, wie man effektiv kämpfen kann. Selbstverteidigung ist oft von extrem widrigen Umständen gekennzeichnet. Du kannst immer Bewegung erzeugen, dann Schmerzen verursachen, dann Schaden und endlich Schock benutzen. Mit dieser Struktur bist Du immer handlungsfähig.

Zu guter Letzt kann man das Modell auch im Postkonflikt nutzen. Die Artikulation des eigenen Handelns ist entscheidend für die rechtliche Bewertung der Situation. Wenn Du erklären kannst, dass Du Schaden verursacht hast und der Angreifer nicht stoppte, dann wird nachvollziehbar, warum Du zur Kehle schlagen musstest.

Quellenverzeichnis:

  1. Rory Miller: Facing Violence.

Abbildungsverzeichnis:

  1. Martin Vödisch: Gewalteffekte, 2021.

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