Strukturierte Gewalt – Teil 1: Strategie vs. Taktik

Zeit für Definitionen

Strategy without tactics is the slowest route to victory. Tactics without strategy is the noise before defeat.

Sun Tzu zugeschrieben, wahrscheinlich apokryphisch 1

Auch wenn dieses Zitat fälschlicherweise dem Strategen Sun Tzu zugeschrieben wird, so bietet es doch einen guten Ansatzpunkt für die Unterscheidung von Strategie und Taktik. Beide Begriffe werden oftmals ohne Trennschärfe benutzt und manchmal sogar mit austauschbarer Funktion. Wir brauchen nicht zwei Wörter für dieselbe Aktion. Klarheit in der Gewaltkompetenz erhöht die Effizienz im Einsatz, während unklare Überlegungen zu schlechten Entscheidungen führen.

Das Zitat beinhaltet zwei Beobachtungen. Strategie führe zum Sieg, brauche aber Taktiken, um dies zu beschleunigen bzw. zu erleichtern. Taktiken hingegen sind klar bemerkbar und erkennbar, würden aber eine Niederlage bringen, sollten sie ohne Strategie eingesetzt werden. Die Prägnanz der Überlegung und die Direktheit der Ausführung dieser Definition lässt das Zitat plausibel erscheinen, wenn man es Sun Tzu zuordnet.

Strategie ist also die unsichtbare Marschroute zum Ziel, während Taktik die sichtbare Implementierung des Marsches ist. Ein Ziel lässt sich ohne Bewegung schwer erreichen und ziellose Bewegung ist ein herumirren. Damit der Unterschied eindeutig wird, werden wir die Definitionen noch einmal mit anderen Worten aufarbeiten.

Eine Strategie ist eine allgemeine Problemlösung und eine Taktik ist eine spezifische Problemlösung. Es existieren nur sehr wenige Lösungsansätze für jedes gegebene Problem, aber in den konkreten Umständen des Einzelfalls mit allen individuellen Variablen wird eine Lösungsumsetzung benötigt, die einzigartig ist. Strategien gelten somit in jeder Situation, auch wenn nur eine ausgewählt wird. Taktiken können nur in besonderen Situationen angewandt werden, aber dafür können mehrere genutzt werden.

Diese abstrakten Erklärungen werden deutlicher, sobald wir Beispiele benutzen für das Problem der physischen Gewalt. Wenn Du das Konzept verstanden hast, dann überlege, welche Strategien und Taktiken für andere Probleme bestehen. Beenden wir die Definition mit einem richtigen Sun Tzu – Zitat. Mit Deinem Verständnis für Strategie und Taktik wirst Du die Bedeutung verstehen.

All men can see the tactics whereby I conquer, but what none can see is the strategy out of which victory is evolved.

Sun Tzu: The Art of War 2

Zielorientierung

Selbstverteidigung bedeutet, eine Gewaltsituation zu überstehen. Das Ziel ist somit, den Moment unverletzt und ohne schwerwiegende Konsequenzen zu bewältigen. Die stärkste Gefährdung geht von physischer Gewalt aus, weshalb hier ein berechtigter Fokus liegt. Es gibt nur vier Strategien, die physische Gewalt beenden können. Vermeidung und Deeskalation sind sehr effizient darin, gar nicht erst in einen Kampf zu gelangen, können den bereits gestarteten Kampf aber nicht beenden. Die vier Strategien sind:

  1. Distanz
    Wenn der Angreifer Dich nicht berühren kann, dann kann er Dich auch nicht verletzen. Sind Waffen oder sogar Schusswaffen im Spiel, dann ändert sich verständlicherweise die erforderliche Distanz.
  2. Kontrolle
    Die komplette Einschränkung der Bewegungsfähigkeit eines Menschen ist gleichzusetzen mit dem Verlust jeder Kampffähigkeit. Wenn ich meine Arme nicht bewegen kann, dann kann ich natürlich auch nicht zuschlagen.
  3. Schaden
    Im Gegensatz zur Kontrolle beschränkt Schaden nicht die Fähigkeit des Gegners, er zerstört sie. Manchmal bricht die Motivation vor dem Knochen, aber in beiden Fällen kann der Angreifer Dich nicht mehr attackieren.
  4. Kooperation
    Bekommt der Angreifer, was er möchte, dann wird der Angriff enden. Diese Möglichkeit wird selten thematisiert, ist aber sehr real. Man kann nicht immer kämpfen und manchmal ist zu kooperieren die einzige Möglichkeit zu überleben.

Nimm Dir einen Moment und überdenke alles, was Du bisher gelernt hast. Hast Du irgendeine Fähigkeit, die nicht in eine der vier Strategien passt? Du merkst bereits, dass diese vier Lösungsansätze sehr allgemein sind und das ist genau der Punkt. Ich will an dieser Stelle nicht auf die Nuancen der einzelnen Strategien eingehen, sondern den Unterschied deutlich machen. Nicht jede der vier Strategien funktioniert in jeder Situation und es kann nur eine gleichzeitig angewandt werden. Du kannst entweder verletzen oder kooperieren oder festhalten oder flüchten.

Die Hierarchie der Anwendung

Eine Taktik ist jetzt die Anwendung der gewählten Strategie in den exakten Umständen der Gefahrensituation. Distanz bedeutet nicht immer weglaufen, sondern kann mit einer Vielzahl an Taktiken erreicht werden. Ein Hindernis, wie ein großes Möbelstück oder ein Auto zwischen Dich und den Angreifer zubringen, kann seine Attacke effektiv unterbinden. Ebenso kann es ausreichen, eine stabile Tür zu schließen. Dein Gegner ist nicht einmal einen Meter von Dir entfernt und trotzdem sichert Dich die Distanz, weil er Dich nicht erreichen kann. Ob Du Abstand herstellst, Hindernisse nutzt oder Zugang verweigerst, ist die taktische Umsetzung der Strategie mit den Gegebenheiten vor Ort.

Es ist sinnlos zu trainieren: Immer wenn ich angegriffen werde, schließe ich die Tür zwischen dem Angreifer und mir und dann bin ich sicher. Allen ist klar, dass es nicht immer möglich ist. Aber es ist auch nicht immer möglich wegzulaufen und jetzt kommt der Knackpunkt. Genauso wenig ist es in jeder Situation möglich den anderen zu schlagen. Training fokussiert die Anwendung vom Kampffähigkeiten derart, dass unser grundlegendes Ziel vergessen wird. Wir wollen die Situation möglichst unbeschadet überstehen.

Kampffähigkeiten, besonders wenn sie auf taktischem Training basieren, sind ein unfassbar wichtiges Werkzeug, aber sie sind nicht die allgemeine, immer anwendbare Lösung für Gefahrensituationen. Alle unsere Entscheidungen sollten strategisch sein. In welcher Situation wähle ich welchen Lösungsansatz? Im nächsten Schritt brauchen wir die taktische Variabilität, um die gewählte Lösung auch umsetzen zu können. Wenn Dein Training nur taktische Komponenten ohne strategische Ausrichtung beinhaltet, dann kannst Du viel Lärm veranstalten. Erst die Strategie erlaubt Dir, Gefahren effizient zu bewältigen.


Quellenverzeichnis:

  1. Wikiqoute: Sun Tzu https://en.wikiquote.org/wiki/Sun_Tzu (08.11.2020).
  2. Sun Tzu: The Art of War, Chapter VI, Stratagem 27 (translated by Lionel Giles) http://classics.mit.edu/Tzu/artwar.html (08.11.2020).

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