Strukturierte Gewalt – Teil 2: Bausteine

Das momentane Chaos

Eine Konfrontation eskaliert. Eben wurde noch geredet, dann rastet Dein Gegenüber aus. Hast Du einen Fehler gemacht oder war das Ganze unausweichlich? Du hast keine Zeit nachzudenken und trotzdem geht Dir das warum nicht aus dem Kopf: Warum ich? Warum jetzt? Im selben Moment beginnt eine Kaskade von biologischen Mechanismen in Deinem Körper abzulaufen. Die akute Stressreaktion flute Deinen Körper mit Hormonen wie Adrenalin. Dein Herzschlag erhöht sich, die Atemfrequenz steigt, Deine Wahrnehmung verengt sich. Rationales Denken setzt aus, obwohl die angstgetriebenen Gedanken weiter feuern.

Der Prozess dauert etwa eine halbe Sekunde. Zeitgleich beginnt der Übergriff. Dein Angreifer schlägt zu und bevor jedes Training greifen kann, wirkt Deine genetisch bedingte Angstreaktion bereits. Du streckst Deine Arme aus und machst einen Schritt rückwärts. Leider ist hinter Dir eine Pfütze. Du verlierst die Balance und fällst in die Wand hinter Dir. Im selben Moment setzt Dein Angreifer nach und sein Körpergewicht kracht gegen Dich. Die Bewegung reißt Deinen Kopf nach hinten. Er trifft die Wand. Du schmeckst Blut und siehst rote Flecken vor Deinen Augen. Dir wird schwindelig und Du kannst Dich schlecht orientieren. Wir befinden uns zwei Sekunden in der Gefahrensituation und der Kampf startet gerade erst.

Gewalt ist chaotisch. Die Grundlage eines Konfliktes ist, das mindestens zwei Menschen etwas Unterschiedliches wollen und nicht nachgegeben. Eskaliert der Konflikt zu physischer Gewalt, dann erhöht sich die Gefährdung und verringert sich die Reaktionszeit. Du musst nicht nur mit dem Körper und der Aggression Deines Gegners umgehen, sondern auch mit Deinem eigenen Verhalten. Mit Angst, mit Schmerz, mit Verletzung. Dazu kommt die Umgebung. Gibt es Bewegungsspielraum? Gibt es Hindernisse? Gibt es improvisierte Waffen? Zusätzlich zu diesen drei Faktoren darf man Glück nicht vergessen. Egal, ob Du Glück oder Pech hast, Zufall kann den Konflikt beeinflussen.

Wir wollen Selbstverteidigung trainieren. Das bedeutet, für genau diese komplexen Situationen Bewältigungswerkzeuge zu erlernen. Unser Training muss dem chaotischen Kontext Respekt zollen und alle vier Faktoren (Der Verteidiger, der Angreifer, die Umgebung und der Zufall) berücksichtigen. Jedes physische Training muss sich an dieser Schwelle messen lassen.

Wir spielen mit Lego

Körperliche Gewalt hat drei Bausteine in der Anwendung, die alle trainiert werden müssen. Keiner der drei ist richtig oder falsch, unwichtig oder überlegen. Wir müssen uns bewusst machen, was die Vor- und Nachteile des einzelnen Bausteins sind. Ich spreche von Techniken, Taktiken und Prinzipien. Wir haben bereits über Taktiken im Zusammenhang mit Strategie gesprochen. Hier beziehe ich mich auf eine einzelne Anwendung und die möglichen Perspektiven auf diese Anwendung, anstatt nach allgemeinen Problemlösungen zu schauen.

  • Technik = Eine Bewegung in exakten Umständen mit einem exakten Effekt
    • Beispiel: Ein Handballenschlag mit der dominanten Hand wird mit einer Hüftrotation ausgeführt. Das Ausstrecken des Arms erfolgt mit aufrechter Wirbelsäule nach bereits vollständig gedrehter Hüfte. Der Arm ist komplett ausgestreckt, die Handfläche angezogen und der Ballen der Hand trifft die Nase des Gegners. Abschließend wird der Schlagarm in die Deckung zurückgezogen.
    • Bedingungen: Die dominante Hand darf nicht gegriffen sein. Die Hüfte darf nicht blockiert sein. Die Distanz darf weder so groß, noch zu klein sein. Der Stand muss stabil sein, da die Drehung eine solide Basis erfordert. Die Nase des Gegners muss ungedeckt sein. Nach dem Treffen muss der eigene Arm wieder in die Deckung zurückkehren können.
  • Taktik = Jede Bewegung, die ein spezielles Ziel erreicht
    • Beispiel 1: Dem Gegner ins Gesicht zu schlagen kann Schmerz, Verletzung, Verwirrung oder Balanceverlust verursachen. Der Schlag muss mit einer geeigneten Waffe erfolgen, also muss das entsprechende Körperteil hart, in Reichweite und zur Beschleunigung geeignet sein.
    • Bedingungen: Das Gesicht des Gegners muss erreichbar und ungedeckt sein.
    • Beispiel 2: Mit vollständig ausgestrecktem Arm zu attackieren, erlaubt den Gegner auf Distanz zu halten, während gleichzeitig Schaden verursacht wird. Die Trefferfläche der eigenen Hand sollte an die gegnerischen Trefferzonen angepasst werden.
    • Bedingung: Der Gegner muss in der richtigen Distanz sein und die eigenen Arme müssen frei agieren können.
  • Prinzip = Universeller Mechanismus unabhängig von Umsetzung oder Zielsetzung
    • Beispiel 1: Folgende Ziele im Gesicht sind besonders sensibel gegen Krafteinwirkung: die Augen, die Kehle, die Nase und die Ohren. Allerdings haben davon nur die Augen, die Kehle und das Trommelfell (erreichbar über die Ohren) eine bedeutsame Stoppwirkung.
    • Bedingungen: keine
    • Beispiel 2: Kraft ist die Multiplikation von Masse und Beschleunigung. Zur Maximierung der eigen Krafterzeugung muss somit der größtmögliche Anteil an der eigenen Körpermasse schnellstmöglich beschleunigt werden.
    • Bedingungen: keine
    • Beispiel 3: Je nach Distanz zwischen zwei Personen sind andere Angriffsoptionen verfügbar. Solange keine Waffen aktiv sind, ist die Maximalreichweite mit den Beinen ausschlaggebend. Für jeden darunterliegenden Abstand gibt es ein Körperteil, dass zum Angriff geeignet ist.

Vielleicht ist Dir aufgefallen, dass wir uns vom sehr konkreten zum sehr allgemeinen bewegt haben. Entlang dieses Prozesses sind die Limitierungen immer kleiner geworden. Kraft ist immer gleich Masse mal Beschleunigung. Völlig unabhängig von den Umständen. Variabel ist, mit welchem Körperteil ich zuschlagen kann, wie viel Kraft ich akut generieren kann und welche Trefferzonen beim Gegner attackierbar sind. Kombiniert man das Prinzip der Krafterzeugung mit einem Verständnis für Distanzen und der Frage, welche Körperbereiche als Ziele infrage kommen, dann kann man in jeder physischen Situation handeln. Du kannst immer Kraft erzeugen, ein Körperteil beschleunigen und gegen den fremden Körper rammen.

Prinzipien-basiertes Training erlaubt enorme Flexibilität und Improvisation unter Stress. Erinnern wir uns an die anfängliche Situation, dann wird klar warum. Während Prinzipien stets wirksame Mechanismen sind, so stellen Taktiken fertige Versatzstücke dar, die leicht in einer Situation angewandt werden können. Den Gegner ins Gesicht zu schlagen ist, unabhängig von der gewählten Technik, oftmals eine gute Problemlösung. Prinzipien erlauben, diese Taktik zu erweitern. Ich muss den Gegner nicht mit meiner Faust im Gesicht treffen. Hat er beide Hände in einer Deckung, dann kann ich auch einen Stoß gegen seine eigene Hand nutzen, um diese in sein eigenes Gesicht zu schlagen. Taktiken sagen, welche Aktionen clever sind. Prinzipien sagen, wie eine Aktion funktioniert.

Im Gegensatz dazu sind Techniken eine konkrete Anwendung von speziellen Taktiken und Prinzipien in einer definierten Situation. In unserem Beispiel nutzt der Handballenschlag die Taktik des Gesichtstreffers und der Distanzattacke, sowie die Prinzipien der Krafterzeugung, Distanz und der Trefferzonen. Techniken sind induktives Kämpfen, also die Anwendung an der gegebenen Lage, während Taktiken und Prinzipien eher deduktiv funktionieren. Sie folgen einer allgemeinen Überlegung, die dann in die Realität umgesetzt wird. 1

Konstruktion und Dekonstruktion

Vielleicht kennst Du schon viele verschiedene Bewegungen, vielleicht bist Du komplett neu im Training. Du kannst alles, was Du im Hinblick auf unsere drei Bausteine lernst, analysieren. Liegt eine technische, eine taktische oder eine Prinzipien-basierte Überlegung vor. Nochmal, keine davon ist besser oder schlechter als die andere. Ich möchte nur, dass Du lernst, womit Du es zu tun hast und wie Du damit umgehen kannst.

Denken wir an die Baustein-Metapher zurück. Diese Bewegungskategorien sind wie Legosteine, weil Du alles Mögliche daraus bauen kannst. Stell Dir vor, Du möchtest ein Haus aus Deinen Legosteinen bauen. Mit einer technischen Überlegung folgst Du der Anleitung und erhältst ein schönes Haus. Allerdings müssen die Schritte exakt befolgt werden und das Haus wird immer so aussehen, wie auf der Verpackung. Taktisch gesehen, kannst Du aus dem Haufen an Lego vier fertige Wände und ein Dach bauen. Damit wirst Du sehr schnell ein Haus erhalten, dass in etwa wie in der Anleitung aussieht. Zwar wird es ein bisschen schief und nicht alle Teile sind verbaut, aber das Haus steht. Prinzipien-basiert kannst Du aus Deinem Haufen sowohl ein Haus, als auch ein Schloss oder eine Scheune bauen.

Jetzt kommt das Wunderbare, und zwar an Lego und an der Aufteilung in unsere Bewegungskategorien. Wenn Du ein fertiges Haus hast, dann kannst Du es auseinanderbauen und völlig neu wieder zusammensetzen. Am Ende sind den Möglichkeiten keine Grenzen gesetzt. Hast Du eine Technik, dann dekonstruiere sie. Welche Taktiken werden genutzt und welche Prinzipien wirken hier? Andersherum genau so, welche konkreten Techniken kannst Du auf Basis der Taktiken und Prinzipien anwenden?

Konsequenzen fürs Training

Ein sehr großer Teil des bestehenden Trainings unterrichtet Techniken. Das ist weder falsch, noch schlecht. Es ist nur unvollständig. Techniken sind sehr gut für Anfänger, da sie konkrete Handlungsoptionen lernen, ohne überfordert zu werden. Allerdings sind Techniken recht unflexibel und beziehen sich oft nur auf den eigenen Körper. Mich kann ich kontrollieren, aber der Gegner, die Umgebung und der Zufall müssen berücksichtigt werden. Viele Techniken basieren auf guten Prinzipien, nur werden die Prinzipien selten erklärt. Deshalb ist sehr technisches Training meistens sehr konstruiert und ineffizient in dynamischen Stresssituationen.

Taktisch und Prinzipien-basiert sind Buzzwörter in der Selbstverteidigungsbranche. Sie suggerieren eine höhere Tauglichkeit für reale Gewalt. Es existieren viele didaktische Fallstricke und manchmal sind Taktiken und Prinzipien in Wahrheit nur Techniken. Eine gute Kontrolle ist die Konstruktion. Wenn sinnvolle Taktiken und Prinzipien gelehrt werden, dann sollten diese auch in völlig unbekannten Situationen eine praktikable Anwendung ermöglichen.

Reines Prinzipien-basiertes Training kann auch für Anfänger gut funktionieren, wenn diese neugierig und experimentierfreudig sind. Andernfalls wird mancher schnell überfordert. Prinzipien brauchen einen deutlich höheren Lerneinsatz als Techniken, haben dafür aber auch deutlich höhere Bedeutung für die Praxis. Wie immer im Leben brauchen wir einen Mittelweg. Techniken, Taktiken und Prinzipien sind alle relevant und müssen geübt werden. Je nach Zielsetzung, Zielgruppe und Lehrerpersönlichkeit werden andere Schwerpunkte gesetzt. Diese Abwechslung ist Gold wert, denn kein Mensch ist eine exakte Kopie des anderen.


Quellenverzeichnis:

  1. Franziska Pfeiffer: Induktiv und deduktiv vorgehen in vier Schritten https://www.scribbr.de/methodik/induktiv-deduktiv/ (12.11.2020).

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