Nicht sehen, sondern Beobachten – Teil 1: Über Aufmerksamkeit

Das Buzzword

In quasi jedem Selbstverteidigungskurs wird einem beigebracht, aufmerksam zu sein. Die zugrundeliegende Überlegung ist, schwierig zu konternde Angriffe im Vorfeld zu vermeiden. Wenn ich aufmerksam bin, dann sehe ich den Angreifer kommen und kann mich vorbereiten oder dem Angriff ausweichen. So weit, so gut.

Problematisch ist, wenn Aufmerksamkeitstraining nicht über Lippenbekenntnisse oder Plattitüden hinausgeht:

  • Sei wachsam an gefährlichen Orten!
  • Beobachte jeden, der näher als fünf Meter an Dich herankommt!
  • Nimm die Kopfhörer aus den Ohren und das Handy aus dem Gesicht!

Nichts davon ist falsch, aber alles ist keine Hilfe. Menschen hören nicht auf gute gemeinte Ratschläge, die ihr Alltagsverhalten kritisieren oder einschränken. Jeder weiß, dass ein, zwei Stunden Sport pro Woche enorme gesundheitliche Vorteile haben, aber die wenigsten treiben aus diesem Grund Sport und ziehen es über längere Zeit durch. Wir müssen den Teilnehmer nicht nur vorhalten, was sie falsch machen, sondern ihnen eine Alternative anbieten.

It’s elementary

Nur, Sie sehen, aber Sie beobachten nicht. Das ist der große Unterschied. 1

Sherlock Holmes

Der Mensch will, wie alle Tiere überleben. Unsere Biologie und unser Verhalten sind noch für eine Welt optimiert, in der wir täglich ums Überleben kämpfen mussten. Allerdings leben wir in den reichsten Staaten in einer Welt, in welcher der Überlebenskampf quasi ausgestorben ist. Wie viele Menschen kennst Du, die verhungert sind oder ermordet wurden?

Aufmerksamkeit ist eigentlich nur, die sensorische Wahrnehmung ungefiltert und unkommentiert aufzunehmen und dann auf spezielle Signale hin zu untersuchen. Das ist größtenteils ein unterbewusster Prozess, weil die Datenmenge schlicht viel zu groß ist, als das wir bewusst jedes Detail betrachten könnten. Unser Unterbewusstsein ist ein Meister in der Mustererkennung, wir müssen nur lernen, darauf zu hören.

Aufmerksamkeitstraining hat somit drei Ziele:

  1. Die Verbindung zwischen bewusster und unterbewusster Wahrnehmung stärken. Dies wird oft als Intuition bezeichnet.
  2. Über spezifische Warnsignale im Kontext zwischenmenschlicher Gewalt unterrichten. Du musst wissen, auf welche Signale Du überhaupt achten musst. Unsere Intuition ist z.B. darauf geschult Augen zu erkennen. In der Wildnis tarnen sich Raubtiere in der Vegetation, aber ihre Augen sind oft sichtbar. Somit ist die Augen-Erkennung ein Überlebensvorteil. Wir müssen unsere Wahrnehmung auf passende Signale schulen. Ein Mann, der auf dem leeren Bahnsteig auf Dich zukommt, während er eine Hand außerhalb Deines Blickfelds hält, sollte die Alarmglocken klingen lassen.
  3. Unsere sozialen Filter aufheben, die unsere natürliche Aufmerksamkeit verzerren. Kopfhörer im Ohr sind natürlich extrem hinderlich, aber es gibt noch mehr. Wenn sich ein Mensch zu Dir auf die Parkbank setzt, obwohl noch eine zweite, leere Bank daneben steht, dann ist das anormales Verhalten. Allerdings setzt bei vielen hier die soziale Konditionierung ein (höflich sein, nichts unterstellen, etc.) und diese Erwartungshaltung verzerrt die eigentliche Wahrnehmung.

Kurz gesagt, ist Aufmerksamkeit: Worauf soll ich achten? Wie nehme ich wahr, ohne den Inhalt zu überdenken? Wie kann Aufmerksamkeit automatisiert werden? Denn Aufmerksamkeit an sich, dass können wir schon alle. Wir müssen nur lernen, sie aktiv zu nutzen. Um mit Sherlock Holmes zu sprechen: Das Sehen ist nicht das Problem, aber das Gesehene in eine Beobachtung zu verwandeln, wurde verlernt oder blockiert. Hier sollte unser Training ansetzen.

Quellenverzeichnis:

  1. Arthur Conan Doyle: Ein Skandal in Böhmen (übersetzt von Martin Langwald) 2005, https://www.projekt-gutenberg.org/doyle/skandal/skandal.html (28.02.21).

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