Gewaltdynamik – Teil 6: Same Old Story

Es ist persönlich

So wie bei einem Autounfall in Zeitlupe kann man bei manchen Gewalttaten zusehen, wie sie sich entfalten. Das sind Verbrechen, die aus irgend einer persönlichen Verbindung heraus entstehen. Eine eigentlich ganz normale zwischenmenschliche Beziehung eskaliert und ein Beteiligter wird gewalttätig. Andere Formen von Gewalt entstehen im Affekt, aus der Gelegenheit oder aus der aktiven Planung des Täters. Hier besteht eine Vorgeschichte zwischen Täter und Opfer. Im Gegensatz zu geplanter Gewalt ist diese Form des Übergriffs nicht von Beginn an intendiert, sondern sie entsteht aus der Dynamik heraus.

Die Schuld am Verbrechen trägt nur der Täter. Wenn wir verstehen, warum einige menschlichen Interaktionen zu Gewalt führen, dann können wir uns besser schützen. Aus diesem Grund müssen wir auch auf das Verhalten der Opfer blicken. Die Verhaltensweisen zu untersuchen, die zur Eskalation führten, bedeutet nicht, die Schuld auf das Opfer zu schieben. Wir tragen nie die Schuld daran, wenn unsere Rechte verletzt werden, aber wir können unser Verhalten auf die Vermeidung von Problemen ausrichten.

Verbrechen mit persönlicher Vorgeschichte zwischen Täter und Opfer sind im wahrsten Sinne des Wortes persönlich. Die Handlung erfolgt weniger rational, die Gewalt ist extremer und die Konsequenzen wiegen schwerer. Das ist sehr leicht nachvollziehbar. Ein Streit mit dem besten Freund wird ganz anders wahrgenommen, als ein Streit mit einem Fremden. Es gibt keine emotionale Distanz zur Tat.

Verrat

Die gewalttätige Reaktion innerhalb einer Beziehung ist besonders wahrscheinlich, wenn sich eine Partei von der anderen verraten fühlt. Dies gilt nicht nur für romantische Beziehungen, sondern auch für Freundschaften, Geschäftsbeziehungen und andere Verbindungen. Je tiefer eine emotionale Involvierung ist, desto schwerer wiegt das Gefühl von Verrat.

Wir investieren unser emotionales Kapital in bestimmte soziale Gruppen, egal ob Ehe, Fußballverein oder Firma. Unsere emotionalen Funktionen beziehen sich noch auf eine Stammesgesellschaft, in der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe überlebenswichtig war. Finden wir dann heraus, dass andere Gruppenmitglieder diesen sozialen Vertrag nicht ebenso wertschätzen, dann wird es zu einer starken emotionalen Reaktion kommen.

Ob diese Reaktion vermeidend, aggressiv oder sogar gewalttätig ausfällt, hängt von vielen Faktoren ab. Ebenfalls spielt es keine Rolle, ob der Verrat real stattgefunden hat oder nur in der Wahrnehmung des Täters existiert. Diese Dynamik basiert auf einem sozialen Skript, weshalb sie in quasi jedem Menschen aktiv ist. Schwerverbrecher oder Kindergärtner können beide mit Gewalt auf einen Ehebruch reagieren.

Entscheidungen

Soziale Interaktion ist alltäglich. Ein Großteil davon findet mit Menschen statt, die eine Rolle in unserem Leben einnehmen. Dementsprechend liegt hier auch hohes Konfliktpotenzial. Man kann nicht voraussehen, wie ein Mensch auf Zurückweisung reagieren wird. Auf der anderen Seite kann auch bei bestem Verhalten nicht jeder Konflikt vermieden werden. Abgesehen davon müssen einige Konflikte auch ausgetragen werden. Trotzdem beeinflussen unsere Entscheidungen das Risiko.

Genau, wie im Umgang mit Fremden, verhindert offene Kommunikation das Entstehen von Problemen. Sei kein Arsch, ist einer der besten Selbstverteidigungstipps. Emotional stressige Momente sollten mit Feingefühl bewältigt werden. Wer einen Angestellten feuern muss, der sollte ihm nicht eine Woche vorher versprechen, dass sein Job sicher ist. Hier ist das Gefühl von Verrat garantiert.

Du solltest nicht Deine Lebensqualität einschränken, weil Du riskante Situationen um jeden Preis verhindern willst. Allerdings tragen manche Lebensentscheidungen ein besonders hohes Gewaltpotenzial: Den Hells Angels beitreten, sich Geld bei der Mafia leihen, mit der Frau des Nachbarn schlafen oder den Rentenfonds der Firma veruntreuen. Selbstschutz und gesellschaftliches Leben müssen zusammenarbeiten.

Soziale Aufmerksamkeit

Ich gehe davon aus, dass Du vernünftiges Verhalten an den Tag legst, respektvoll mit Deinen Mitmenschen interagiert und gute Entscheidungen triffst. Diese Vermeidungsmaßnahmen können Konflikte verhindern, aber keine Maßnahme ist perfekt. Ergänzen wir die Prophylaxe durch ein Vorwarnsystem. Wie situative Aufmerksamkeit uns in einem potenziellen Gefahrenmoment vorwarnen soll, so schützt uns soziale Aufmerksamkeit vor problematischen Beziehungen.

Die folgende Maßnahmenliste ist nicht komplett. Sie soll Dir eine Idee geben, in welchen Bereichen soziale Aufmerksamkeit greift:

  • Nach der Ex fragen: Man lernt viel über einen Menschen, wenn man nach der Trennung vom letzten Partner oder von der letzten Firma fragt. Wie ist die Trennung verlaufen und wer war schuld daran?
  • Kritikfähigkeit: Wer schon auf die geringste Kritik aggressiv reagiert, der hat ein höheres Gewaltpotenzial bei Verratsgefühlen.
  • Den Selbstwert einschätzen: Oftmals geht Aggression bei sozialen Konflikten mit einem geringen Selbstwert einher. Wer sich selbst nicht mag, der wird (falls er Gewalt nutzt) extremere Maßnahmen ergreifen, um seine Beziehung zu erhalten oder ein empfundenes Unrecht zu sühnen. Andererseits kann auch ein übertreibender Selbstwert Gewalt bedingen. Wer sich selbst für überlegen hält, der reagiert auf eine Kündigung vielleicht mit Gewalt.
  • Wiederholte Grenzüberschreitung: Ein ziemlich universelles Warnsignal. Wenn der Arbeitskollege auch nach Ablehnung auf ein Date behaart oder eine Gehaltserhöhung als gerechtfertigt ansieht, ist ein Konflikt sehr wahrscheinlich.
  • Beziehungsmanagement: Bei Kontakten, wo ein Risiko vermutet wird, sollte man besondere Aufmerksamkeit und Pflege walten lassen. Wiederholte Bestätigung kann Unsicherheiten verringern. Gesprächsmediation und höfliche Nachverfolgung können Krisenmomente entschärfen. Stellt man eine Radikalisierung fest, dann lassen sich rechtzeitig Maßnahmen ergreifen.

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