Gewaltdynamik – Teil 5: Das Gewalt – Zeit – Kontinuum

Einmalig oder kontinuierlich?

Selbstverteidigung wird oftmals als eine Verteidigung gegen einen plötzlichen Übergriff verstanden. Sich nur auf die physische Attacke zu konzentrieren, ist zu kurz gedacht. Die Anbahnung des Konfliktes und die Konsequenzen aus dem Konflikt spielen eine ebenso große Rolle. Trotzdem ist das Ereignis immer noch ein isolierter Einzelfall. Weil die meisten Selbstverteidigungstrainer einen gesunden Lebenswandel haben, betrachten sie Gewalt aus der folgenden Perspektive: Aufrechter Bürger ohne besondere Risikofaktoren kommt mehr oder weniger zufällig in eine Gefahrensituation, die bewältigt werden muss.

Das ist überspitzt. Es gibt viele Menschen, die sich auf Vermeidungsverhalten, Deeskalation, Gewaltverständnis, Charakterstärke, etc. konzentrieren. Selbst wenn wir Gewalt aus dieser komplexeren Perspektive betrachten, wird der Übergriff trotzdem als singuläres Event außerhalb der Norm erfasst. Das spiegelt aber nicht die Realität wider. Wer einmal zum Opfer von Gewalt wird, der ist am stärksten gefährdet, erneut zum Gewaltopfer zu werden.

While most people and places do not get victimized by crime, those who are victimized consistently face the highest risk of being victimized again. Previous victimization is the single best predictor of victimization. It is a better predictor of future victimization than any other characteristic of crime.† 1

Deborah Lamm Weisel: Analyzing Repeat Victimization

Sehr viele Gewalttaten werden also von denselben Opfern erlitten. In einem Land, wie Deutschland ist es relativ unwahrscheinlich zu einem Gewaltopfer zu werden. Das gilt erst recht für Schwerverbrechen. Allerdings ist die große Ausnahme hiervon der Opferpool. Jeder Mensch, der aus irgendeinem Grund zum Gewaltopfer wird, strahlt diesen Zustand aus und Kriminelle suchen gezielt nach diesen Personen.

Sexuelle Gewalt ist besonders einschneidend, was die Chance einer erneuten Viktimisierung angeht. Eine Studie unter 1675 amerikanischen Collegestudenten von zwei Universitäten hatte im Untersuchungszeitraum 350 sexuelle Übergriffe unter den Teilnehmern gefunden, wovon 224 Taten das Opfer wiederholt viktimisierten.

Among students who experienced sexual assault at college, 64% reported repeat victimization. […] The median number of assaults was 3. 2

Kate Walsh [u.a].: Repeat sexual victimization during college

Vermutlich sind die Zahlen bei sexueller Gewalt so hoch, weil das Erleben eines solchen Angriffs tiefgreifende Konsequenzen für die eigene Identität und den Selbstwert hat. Die Opfererfahrung ist einscheidend und somit wird das Opferverhalten stark konditioniert. An dieser Stelle muss klar betont werden, dass kein Opfer von Gewalt jemals die Schuld daran trägt. Der Gewalttäter begeht die Tat und trägt die alleinige Schuld. Es geht hier lediglich darum, Erklärungsansätze für die wiederholte Viktimisierung aufzuzeigen.

Neben der Repetition von Gewalttaten durch verschiedene Täter, findet auch kontinuierlicher Missbrauch eines Opfers durch einen oder mehrere Täter statt. In beiden Varianten wird ein Mensch immer wieder zum Opfer von Gewalt. Die definierende Komponente ist, dass der Übergriff über Zeit stattfindet. Mögliche Formen kontinuierlicher Gewalt sind: Sexuelle Gewalt, häusliche Gewalt, Stalking, Mobbing, Bullying, Menschenhandel, Zwangsarbeit und jegliche Form von Missbrauch (physisch, emotional, sexuell, finanziell, aktiv oder durch Vernachlässigung).

Warum reden wir in der Selbstverteidigungsszene so wenig über diese Gewaltformen? Es gibt mehrere Gründe dafür:

  • Es gibt keine gute, einfache Antwort für diese Probleme (darüber sprechen wir später noch), zumindest nicht im Vergleich zu einer Kneipenschlägerei.
  • Diese Taten werden nur sehr selten von Fremden begannen. In den meisten Fällen besteht eine Beziehung zwischen Täter und Opfer. In 90 % der Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch besteht ein Vertrauens- oder Bekanntschaftsverhältnis zwischen Täter und Opfer und in 30 % der Fälle ist der Täter mit dem Opfer verwandt. 3 Sich dieser Realität zu stellen ist unangenehm und wird deshalb oft vermieden.
  • Die Kunden im Selbstverteidigungstraining stammen wahrscheinlich nicht aus dem Opferpool. Ein Mensch mit sehr niedrigem Selbstwert wird vermutlich nicht in eine Fortbildungsmaßnahme zu ihrem Selbstschutz investieren.

Planung und Wartung

Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die einzelnen Langzeit-Gewaltdynamiken eingehen, sondern ein Grundverständnis schaffen, wie sich einmalige Gewalt von kontinuierlicher Gewalt unterscheidet. Die meistens unserer Abwehrtechniken zielen auf einmalige Angriffe ab, sind aber ungeeignet kontinuierliche Gewalt zu vermeiden oder zu beenden. Verstehen wir die grundlegenden Unterschiede, dann können wir auch unser Training anpassen.

Langzeit-Gewalt ist quasi immer eine geplante Handlung. Ob die Planung dem Täter bewusst ist und rational erfolgt oder ob er unterbewusst nach einem Opfer für seine Bedürfnisse sucht ist zweitrangig. Der Täter handelt nicht im Affekt. Kein Mensch vergewaltigt einen anderen, nur weil er betrunken war und sie so einen kurzen Rock trug. Kein Mensch schlägt aus Versehen seinen Partner. Kein Mensch entführt spontan sein Opfer, um es in der einsamen Waldhütte zu Tode zu foltern. Obwohl diese Taten unterschiedliche Intentionen haben und unterschiedlich intensiv sind, entspringe sie alle aus der inhärenten Motivation des Täters.

Opferselektion ist zentral für die Selbstverteidigung. Ein Räuber kann bei einer zufälligen Begegnung ein geeignetes, weil abgelenktes Opfer finden und zuschlagen. Ein sogenanntes Crime of Opportunity. Bei der Langzeit-Gewalt erfolgt auch eine gründliche Opferselektion, eine Vorbereitung des Verbrechens oder ein konstantes Visualisieren der Tat. Das Beispiel des Serienmörders Ted Bundy verdeutlicht die Planungskomponente sehr gut. Er ist jedoch eher ein Beispiel für einen Wiederholungstäter, als für ein Wiederholungsopfer. Trotzdem zeigt das Beispiel, welche Arbeit in eine Gewalttat gehen kann:

[Ted] Bundy was an unusually organized and calculating criminal who used his extensive knowledge of law enforcement methodologies to elude identification and capture for years. His crime scenes were distributed over large geographic areas; his victim count had risen to at least 20 before it became clear that numerous investigators in widely disparate jurisdictions were hunting the same man. His assault methods of choice were blunt trauma and strangulation, two relatively silent techniques that could be accomplished with common household items. He deliberately avoided firearms due to the noise they made and the ballistic evidence they left behind. He was a „meticulous researcher“ who explored his surroundings in minute detail, looking for safe sites to seize and dispose of victims. […] As his methodology evolved Bundy became progressively more organized in his choice of victims and crime scenes. He would employ various ruses designed to lure his victim to the vicinity of his vehicle where he had pre-positioned a weapon, usually a crowbar. In many cases he wore a plaster cast on one leg or a sling on one arm, and sometimes hobbled on crutches, then requested assistance in carrying something to his vehicle. Bundy was regarded as handsome and charismatic, traits he exploited to win the confidence of his victims and the people around him in his daily life. 4

Wikipedia: Ted Bundy

Während einerseits intensive Planung in die Gewalttat gehen kann, so wird bei einigen Formen von Gewalt ebenso viel Arbeit in die Aufrechterhaltung der Dynamik gesteckt. Bei Mobbing, häuslicher Gewalt oder Zwangsarbeit besteht meistens eine Beziehung zwischen Täter und Opfer. Diese Beziehung ist nicht nur vor, sondern auch nach der Tat relevant. Durch diese emotionale Verbindung kann der Täter Macht über das Opfer ausüben und den Missbrauch über lange Zeit aufrechterhalten.

Der Prozess der Vor- und Nachbereitung des Opfers wird als Grooming bezeichnet. Ein Täter sucht sich ein potenzielles Opfer und beginnt ein Machtverhältnis aufzubauen, dass einen wiederholbaren Übergriff erlaubt. Das Opfer wird massiv charakterlich geprägt und auf bestimmte Verhaltensweisen konditioniert. Das ist der Hauptgrund, warum viele Menschen wiederholt zu einem Opfer werden. Wenn Grooming einmal erfolgreich war, dann kann ein Täter wiederholt Gewalt ausüben oder mehrere Täter nutzen die charakterliche Prägung wiederholt aus.

Funktioniert Selbstverteidigung überhaupt noch?

Klassisches Selbstverteidigungstraining erreicht die Menschen im Opferpool nicht. Ein gewalttätiger Vater wird seinen Sohn nicht zum Karate-Training schicken oder eine mehrfach vergewaltigte Frau wird sich selbst diese Hilfe eventuell nicht zugestehen. Wenn Menschen ihre Viktimisierung ablegen wollen und zum Training kommen, dann wurde ein wichtiger Teil der Entwicklung bereits erfüllt. Die Bereitschaft sich zu ändern und die Erlaubnis, dass dies ok ist und jeder Mensch sich schützen darf, ermöglicht überhaupt erst, dass Training funktionieren kann.

Selbst wenn das Selbstverteidigungstraining inhaltlich hervorragend ist und alle wichtigen Aspekte abdeckt und selbst wenn die Menschen, die akut viktimisiert werden ins Training kämen, so würde es trotzdem nicht viel bringen. Was bringt es der Frau, wenn sie den Schlag ihres gewalttätigen Ehemanns abblocken kann? Soll sie danach zurückschlagen? Da schützt sie nur für einen kurzen Zeitraum, nachdem der Missbrauch nur noch schlimmer wird. Soll sie so zuschlagen, dass sie ihren Mann schwer verletzt oder tötet? Wahrscheinlich kann sie dies emotional nicht ausführen. Zwar missbraucht ihr Mann sie, aber es gab auch schöne Zeiten und sie hat ihn aufrichtig geliebt. Diese tiefe Verbindung wird nicht von einer Trainingsstunde aufgehoben.

Selbstverteidigung gegen einmalige Gewalt hilft nicht gegen kontinuierliche Gewalt. Die Stärkung eines unabhängigen Charakters, die Steigerung des Selbstwerts, die Bewältigung des Traumas und die Änderung der Lebensumstände sind entscheidend. Gutes Training kann einen wichtigen Teil hierzu beitragen, durch Psychoedukation, eine positive Umgebung und eine unterstützende Entwicklung. Wir müssen uns der Grenzen unseres Einflusses bewusst sein und wir müssen die Realität der Gewalt anerkennen.


Quellenverzeichnis:

  1. Deborah Lamm Weisel: Analyzing Repeat Victimization. In: Problem-Oriented Guides for Police. Problem-Solving Tool Series (Bd. 4) 2005, https://biblioteca.cejamericas.org/bitstream/handle/2015/3833/hak4gu-e07055803.pdf?sequence=1&isAllowed=y (20.12.20), S. 2.
  2. Kate Walsh [u.a.]: Repeat sexual victimization during college. Prevalence and psychosocial correlates. In: Psychology of Violence (Bd. 10, Nr. 6), 2020, S. 676–686 https://psycnet.apa.org/record/2020-54564-001 (20.12.20).
  3. Darkness to Light: Child Sexual Abuse Statistics https://www.d2l.org/wp-content/uploads/2017/01/all_statistics_20150619.pdf (20.12.20), S. 2.
  4. Ted Bundy. In: Wikipedia https://en.wikipedia.org/wiki/Ted_Bundy (20.12.20), Vgl. Abschnitt Modus operandi and victim profiles.

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