Gewaltdynamik – Teil 2: Zwei verschiedene Spezies

Ein qualitativer Unterschied

Es gibt einen großen, absolut grundlegenden Gegensatz innerhalb menschlicher Gewalt. Diesen Gegensatz zu ignorieren oder zu unterschätzen, bedeutet das jegliche Anstrengung, Gewalt zu beherrschen, fehlschlägt. Ich werde diese These zu einem der wenigen Dogmen der realistischen Selbstverteidigung erheben. Ohne den zentralen Bruch der Gewalt in zwei Teile zu verstehen, ist komplette Selbstverteidigung unmöglich. Das ist erstmal eine harte Behauptung. Warum stelle ich diesen Gegensatz derart heraus? Wieso sollte ein gutes Set an Fähigkeiten Dich nicht vor Gefahren schützen können? Das Problem ist, dass Selbstverteidigung eine Problemlösung ist. Die Zweiteilung der Gewalt nicht zu kennen, bedeutet eine Lösung auszuwählen, ohne das Problem zu sehen. Der Erfolg hängt nur vom Glück ab und dafür ist der Einsatz zu hoch, aber starten wir am Anfang.

Bevor wir uns menschliche Gewalt näher anschauen, wollen wir den Gegensatz illustrieren. Hier sind zwei Videos von Löwen, die kämpfen. Überlege selbst, worin liegen die Unterschiede der Situation und wie ändert sich das Verhalten der Löwen.

Löwenkampf Nr. 1 1
Löwenkampf Nr. 2 2

Der einzige gemeinsame Faktor der Situationen ist, dass Löwen beteiligt sind. Abgesehen davon gibt es tief greifende Unterschiede:

  • Während im ersten Video zwei Löwen miteinander kämpfen, greifen im zweiten Video mehrere Löwen einen Büffel an.
  • Neben der neuen Tierart änderte sich auch das Zahlenverhältnis. Statt einem Löwen, der einen zweiten attackiert, griffen drei Löwen gemeinsam einen Büffel und ihr Junges an. Tatsächlich war im ersten Video eine dritte Löwin anwesend, die jedoch nicht in den Kampf eingriff.
  • Im Zweikampf nutzen die Löwen hauptsächlich ihre Krallen. Sie stellen sich auf ihre Hinterbeine und schlagen nach dem Kontrahenten. Beim Überfall hingegen beißen die Löwen direkt zu. Sie springen an die Kehle und lassen nicht wieder los.
  • Der erste Konflikt zeigt wie der Angreifer bergauf über eine kahle Fläche mehrere Meter zurücklegt, bevor er den anderen Löwen attackiert. Im zweiten Konflikt warten die Löwen getarnt im hohen Gras, bis ihr Opfer möglichst nah herankommt.
  • Der letzte Unterschied verdeutlicht den grundsätzlichen Gegensatz am stärksten. Im ersten Fall kämpfen zwei Löwen um die Gunst eines Weibchens, während im zweiten Fall die Löwen ihre Beute erlegen und fressen.

Das Dogma der Gewalt – Teilung verdeutlicht sich in den Löwenkämpfen. Die Arten der Gewalt unterscheiden sich qualitativ in der Ausführung und in der Motivation. Eine Form der Gewalt regelt den sozialen Kontext innerhalb der Spezies, konkreter innerhalb des Rudels und die andere Form ist die asoziale Befriedigung eines Bedürfnisses außerhalb der eigenen Spezies. Gewalt kann Kommunikation oder ein Werkzeug sein. Das ist der maßgebliche Unterschied. Wenn meine komplette Gewaltkompetenz kommunikativ ist, aber mein Angreifer Gewalt als Werkzeug einsetzt, dann werden meine Lösungen nicht funktionieren. Dieser Gegensatz muss zentral im Selbstverteidigungstraining thematisiert werden und nachfolgend alle Inhalte bestimmen.

Kommunikation ist Alles

Eine berühmte Bemerkung sagt, man könnte nicht nicht kommunizieren. Das gilt natürlich auch für Gewalt. Wichtig ist hierbei zu sehen, dass Gewalt eine Variante von Kommunikation ist. Jeder verbale Konflikt kann auch in einer physischen Form ausgetragen werden. Die Gesprächsmuster und die mitgeteilten Inhalte folgen derselben Dynamik, nur die Methode der Übertragung ändert sich. Wir nennen diese Variante soziale Gewalt. Nur dort, wo Beziehungen zwischen Menschen relevant sind, kann Gewalt eine soziale Komponente aufweisen.

Wie alle Herdentiere hat der Mensch komplexe Sozialstrukturen, die mit Ritualen und Gesten aufrechterhalten werden. Besonders bedeutsam ist die soziale Hierarchie. Wer hat mehr Status? Wer ist dominant und wer unterwürfig? Welcher Löwe frisst zuerst und darf sich paaren? Auch wenn unsere gesellschaftliche Kooperation sehr viel angepasster und spezifischer für unseren Lebensstil ist, werden unsere emotionalen Entscheidungen oft von alten genetischen Mechanismen bestimmt. Unsere Hirne sagen, wir müssen für unseren Status kämpfen, während die gesellschaftliche Realität dies verbietet und verdammt. Biologisches und kulturelles Verhalten stehen konträr zueinander.

Emotions constitute potent, pervasive, predictable, sometimes harmful and sometimes beneficial drivers of decision making. Across different types of decisions, important regularities appear in the underlying mechanisms through which emotions influence judgment and choice. Thus, emotion effects are neither random nor epiphenomenal. 3

Jennifer S. Lerner, Ye Li, Piercarlo Valdesolo, and Karim S. Kassam: Emotion and Decision making.

Emotionen sind unterbewusste, also nicht durch bewusste Rationalität entstandene Verhaltensanweisungen. Trotzdem folgen diese Empfehlungen bestimmten logischen Mustern. Verhaltensbiologisch sind Emotionen eng mit der sozialen Komponente unserer Entwicklung verknüpft. Unsere Emotionen berücksichtigen also nicht nur unser Wohlergehen, sondern beziehen immer die Gruppe mit in die Überlegungen ein. Aus diesem Grund schließen sich Menschen mit wenigen Freunden Gruppen an, obwohl sie in der Gruppe nicht geschätzt oder sogar gemobbt werden. Besser ein niedriges Gruppenmitglied, als alleine zu sein. Emotionale, gruppenbezogene Verhaltensteuerung ist ein grundsätzlicher Treiber von Gewaltsituationen. Neben dem Status in der Gruppe können auch die Zugehörigkeit zu der Gruppe oder das Befolgen der Gruppenregeln über Gewalt geklärt werden. Ob Gewalt genutzt wird, ist stark von der Sozialisation der Gruppenmitglieder und dem kulturellen Kontext abhängig. Allerdings ist die Dynamik universell. Ein Ego-Kampf im Büro funktioniert genauso, wie eine Kneipenschlägerei. Man tauscht nur die verbale gegen physische Gewalt ein.

Sieh Dir das folgende Video an und vergleiche es mit den beiden Löwenkämpfen. Wie viele Gemeinsamkeiten findest Du zwischen dem ersten Löwenkampf und dem Video bzw. dem zweiten Löwenkampf und dem Video?

Sportkämpfe 4

Nur ein anderer Hammer

Fast jeder Mensch hat Erfahrungen mit sozialer Gewalt, wenn auch nicht immer mit der physischen Variante. Wir wissen, wie Aggression aussieht, sich anfühlt und sich äußert. Wenn ein Räuber beschließt, die 90-jährige Omi niederzuschlagen und zu töten, damit er in Ruhe die Wohnung plündern kann, dann befinden wir uns in einer völlig anderen Welt. 5 Solche Verbrechen lösen oft emotionales Unverständnis aus. Der Räuber wird als Monster bezeichnet und die Tat wird kann nicht begriffen werden. Wenn wir versuchen diese Gewalt auf Basis unseres kommunikativen, sozialen Verständnisses zu begreifen, dann scheitern wir. Genauso wird jede Lösung scheitern.

Asoziale Gewalt zeichnet sich durch das Fehlen einer sozialen Beziehung zwischen Täter und Opfer aus. Das bedeutet nicht, dass sich beide Parteien nicht gekannt haben, sondern nur dass keine emotionale Verbindung bestand. Der Täter hatte keinerlei Empathie für sein Opfer. Er hat lediglich sein Bedürfnis befriedigt, egal ob materiellen Bedarf an Ressourcen oder ein immaterielles Verlangen nach Macht und Kontrolle. Weil der absolute Großteil der Menschen empathisch gegenüber ihren Mitmenschen ist, fühlt sich diese Gewaltform so fremd und irreal an. Wir müssen aber den Unterschied beachten. Der Räuber wollte der Omi nicht zeigen, wer den größeren Status hat oder wie sie sich in der Gruppe verhalten sollte. Er hat sich ein Opfer gesucht, bei dem seine Erfolgschance am größten war. An welchen Löwenkampf erinnert das?

An dieser Stelle ist es sehr leicht, einen kleinen Bruchteil der Menschen als Psychopathen zu bezeichnen und diese Gewaltform ihnen zuzuschieben. Leider ist das weder korrekt, noch löst es unser Problem damit umzugehen. Wenn vier Prozent der Menschen Narzissten und zwei Prozent Psychopathen 6 sind, dann hätten wir alleine in Deutschland grob überschlagen 4,9 Millionen potenzielle Gewalttäter. Das klingt unfassbar. Warum haben wir keine Mordepidemie? Nicht jeder mit einer narzisstischen oder antisozialen Persönlichkeitsstörung (wie es zutreffender bezeichnet sein müsste), ist gewalttätig oder auch nur gefährlich. Damit werden lediglich Persönlichkeitstendenzen beschrieben, die entweder nur an sich denken oder nicht fähig sind, an andere zu denken. Ja, hier ist ein höheres Gewaltpotenzial, aber es gibt nicht automatisch 4,9 Millionen Hannibal Lecter.

Die Fähigkeit, ohne Empathie zu handeln, ist ein Teil des menschlichen Wesens und bot einen gewissen Überlebensvorteil. Auch heutzutage brauchen wir Menschen, die harte Entscheidungen schnell treffen können, nicht umsonst gibt es viele dieser Personen in den Chefetagen oder bei Polizei und Militär. Wenn diese Persönlichkeiten nur Tendenzen sind, die von anderen Aspekten ausgeglichen werden oder soziokulturell beschränkt sind, dann ist dies nichts Schlimmes. Auf der anderen Seite ist nicht jeder gewalttätiger Krimineller auch persönlichkeitsgestört. Empathielosigkeit kann trainiert sein oder situativ angepasst. Der Referenzrahmen bestimmt auch unser Verhalten. Die Konsequenz für unsere Gesellschaft im Allgemeinen und für realistische Selbstverteidigung im Speziellen ist, asoziale Gewalt als menschlich anzuerkennen und entsprechende Lösungsstrategien zu entwickeln. Nicht-kommunikative Gewalt mit Kommunikation lösen zu wollen, ist fahrlässig und uninformiert.

Keine festen Grenzen

Das Dogma ist die Frage nach der Empathie. Besteht eine irgendwie geartete soziale Beziehung zwischen Täter und Opfer oder nicht. Das klingt großartig auf dem Papier. Leider ist die Realität, wie immer komplexer. Mehrere Überlegungen lassen Schwarz und Weiß immer mehr verschwimmen:

  1. Motivation und Methodik sind nicht dasselbe. Ein Gewalttäter kann sozial angetrieben handeln, aber eine asoziale Herangehensweise wählen. Wer Teil einer gewaltaffinen Gruppe werden möchte, muss sich eventuell mit einer Gewalttat qualifizieren. Das Opfer wird asozial ausgewählt und attackiert, da zwischen Täter und Opfer keine Beziehung besteht. Trotzdem ist die Tat sozial motiviert und erfordert deshalb andere Vermeidungstaktiken, als ein Raubüberfall.
  2. Auch asoziale Gewalttäter sind Menschen, mit einem Alltagsleben. Der extrem erfahrene Kriminelle kann auch in einen Konflikt über einen „gestohlenen“ Parkplatz verwickelt werden. Obwohl das soziale Gewalt in Reinform ist, wird das kriminelle Skillset den Verlauf der Situation beeinflussen.
  3. Gewalt ist nicht nur ein losgelöstes, singuläres Ereignis. Es gibt einen situativen und gesellschaftlichen Kontext. Erziehung, Wertesysteme, sozioökonomische und psychologische Faktoren bestimmen die Ausübung von und die Reaktion auf Gewalt.
  4. Manche Gewalttaten, wie Mobbing oder häusliche Gewalt ereignen sich wiederholt über einen langen Zeitraum. Die zusätzliche zeitliche Dynamik führt zu einer Verschmelzung sozialer und asozialer Merkmale der Gewalttat.

Gewalt ist ein Teil des menschlichen Wesens. Komplex, vielseitig, wandelbar. Eine Trainingsmethode, die effizient auf reale Gewalt vorbereiten möchte, muss alles Gewaltformen bestmöglich abdecken. Verschiedene Zielgruppen erfordern verschiedene Schwerpunkte, aber der grundsätzliche Gegensatz muss immer beachtet werden. Gewalt kann eine Kommunikationsform oder ein Werkzeug zur Bedürfnisbefriedigung sein. Wenn Training sich nur auf eine der Varianten bezieht, dann ist es gefährlich unvollständig.


Quellenverzeichnis:

  1. DoRaLiWi: Lion Fight – Masai Mara, 2015 https://www.youtube.com/watch?v=e95boWF4q1A (23.10.2020).
  2. DimKing: Löwen auf der Jagd! Das neugeborene Buffalo lebte nicht lange, 2015 https://www.youtube.com/watch?v=6zyzhrierhs (23.10.2020).
  3. Jennifer S. Lerner, Ye Li, Piercarlo Valdesolo, and Karim S. Kassam: Emotion and Decision making. In: Annual Review of Psychology (Vol. 66) Januar 2015, S.799-823 https://www.annualreviews.org/doi/full/10.1146/annurev-psych-010213-115043 (24.10.20).
  4. Dope Mixes: Greatest Sport Fights Of All Time! https://www.youtube.com/watch?v=iFdcs-LsfaI (24.10.2020).
  5. Katja Füchsel: Der 36-Jährige soll sich alte alleinstehende Frauen als Opfer gesucht haben. In: Der Tagesspiegel 07.02.2000 https://www.tagesspiegel.de/berlin/der-36-jaehrige-soll-sich-alte-alleinstehende-frauen-als-opfer-gesucht-haben/121720.html (24.10.2020).
  6. Jens Hoffman (Interview): Auffällig viele Psychopathen werden Chef. In: Zeit Online 2014 https://www.zeit.de/karriere/beruf/2014-05/psychopathen-interview-psychologe-jens-hoffmann?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F (24.10.2020).

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