Selbstschutz definiert – Teil 5: Jetzt bist Du dran!

Ratlosigkeit und Selbstreflexion

Die Masse an Informationen, die im Verlauf dieser Reihe behandelt wurden, ist sehr groß. Ich halte eine Informationsflut für ein brauchbares didaktisches Mittel, um in kurzer Zeit große Fortschritte zu erlangen. Die Art und Weise, wie Du Deine Ressourcen investierst, bestimmt maßgeblich den Effekt Deines Investments. Aus diesem Grund sollte Deine Entscheidung bezüglich Deines Trainings fundiert und überlegt getroffen werden. Gerade im Hinblick auf Schutzmaßnahmen vor zwischenmenschlicher Gewalt hat die Entscheidung informierter Teilnehmer hohes Gewicht. Wenn Du gutes Training bewerten kannst, dann bekommst Du auch den bestmöglichen Schutz für Deinen Einsatz.

Gleichzeitig kann die Menge an Inhalten auch überfluten. Vielleicht wolltest Du nur wissen, wie man am besten einen Schlag abwehrt oder mit dem aufdringlichen Creep in der U-Bahn umgeht und jetzt hinterfragst Du Deine Haltung, Dein Wissen und Dein Training. Eine zu detaillierte Auswahl kann zu einer gelähmten Entscheidung führen. Wenn alles zu komplex ist und zu viele Dinge beachten werden müssen, dann ist ein Rückzug oft verlockend. Vergiss nicht, dass Du bereits an Dir arbeiten wolltest, sonst würdest Du das hier nicht lesen. Du willst Dich weiterentwickeln und verbessern. Du willst Dich schützen können und gestärkt durchs Leben gehen. Bessere Entscheidungen über Dein Training zu treffen ist ein erster Schritt, um auch bessere Entscheidungen über Dein Leben zu treffen.

Diese Überforderung kann jedem passieren. Wichtig ist zu wissen, was Du brauchst. Ich stelle hier meine Ideen und Ansichten vor. Stimmst Du mit mir überein oder lehnst Du es ab? Welche Teile findest Du überzeugend und welche nicht? Entspricht mein Konzept von Selbstschutz Deinem Bedürfnis nach Schutz? Falls Du nicht mit mir übereinstimmst oder nach anderen Ansätzen suchst, dann ist das vollkommen in Ordnung. Du musst Entscheiden, was Du lernen möchtest. Du musst Prioritäten setzen.

Mehrere gute Optionen

Also was willst Du lernen? Fitness und Körperbeherrschung sind ein Nebeneffekt von jedem kämpferischen Training. Es ist immerhin extrem anstrengend, gegen einen aktiv widerstehenden Partner zu arbeiten. Motorik, Flexibilität, Schnelligkeit, Mobilität und Reflexe sind nur Teile eines körperlichen Trainings, aber um fair zu sein, lernst Du diese Dinge bei fast jedem Sport. Einzigartig bei Kampftraining ist der Umgang mit Schmerzen und Stress. Es gibt wenige Dinge, die Deine physische und Deine mentale Widerstandskraft derart fördern. Vielleicht möchtest Du auch einfach nur kämpfen lernen. Hart gegen einen Sandsack zu schlagen oder einen Gegner im Bodenkampf zu überlisten ist sehr belohnend. Oder möchtest Du einmal im Ring stehen und Deine Fähigkeiten wirklich austesten?

Auf der anderen Seite bist Du vielleicht nur am Selbstschutz interessiert. Dir könntet etwas Unangenehmes passiert sein und Du willst nicht mehr hilflos sein. Oder Du könntest Angst haben, dass etwas passieren wird und willst Dich vorbereiten. Du könntest auch erkennen, dass Selbstschutztraining ein Bereich mit großer Vielfalt und Abwechslung ist, weshalb der Unterricht immer aufs Neue fordert und unterhält. Egal was genau Du suchst, es existieren viele Möglichkeiten für Dich.

Finde heraus, was in Deiner Nähe angeboten wird. Immerhin ist es einfacher regelmäßig zu üben, wenn der Trainingsort nicht weit entfernt ist. Was für eine Auswahl hast Du? Traditionelles Karate, sportliches Boxen und ein Selbstverteidigungssystem. Probiere die Angebote aus und guck, was Dir zusagt. Wenn die Inhalte Dich ansprechen, aber die Schule oder der Trainer Dir nicht zusagt, dann finde eine Alternative. Wenn Du Selbstschutz lernen möchtest, dann kannst Du zu mir kommen oder meine Hilfe nutzen, um ein gutes Studio in Deiner Stadt zu finden. Entscheidend ist Deine Interessen und Deine Möglichkeiten gegenüberzustellen. Erinnere Dich vor diesem Hintergrund, was Selbstschutz ist und welche Aspekte wichtig sind, falls Deine Interessen auf persönlichem Schutz liegen. Ich freue mich immer, wenn neue Leute zu mir kommen, aber wichtiger ist, dass überhaupt trainiert wird.

Spaß

Neben der Örtlichkeit, dem Inhalt und dem Trainer gibt es eine zentrale Komponente, die gutes Training ausmacht. Du musst Spaß daran haben. Egal, wie sehr Du Selbstschutztraining machen möchtest, wenn jede Stunde eine Qual ist, dann solltest Du Deine Entscheidung überdenken. Auf den ersten Blick bestimmt Dein Spaß, wie oft Du zum Training kommst. Wer oft kommt, der lernt auch mehr. Deshalb ist der Spaßfaktor so bedeutsam. Da Spaß sehr individuell ist, kann das Training nur auf Inhalte ausgerichtet sein. Du musst überprüfen, ob das Training Dich gut unterhält. Zwar wird es immer einzelne Elemente oder Themen geben, welche Dir nicht liegen werden, solange Du insgesamt Spaß hast, ist das egal.

Der Verstärkungseffekt durch Spaß am Training ist nicht zu unterschätzen, aber gerade im Selbstschutztraining gibt es eine zusätzliche Dimension. Dein Training soll Dich auf den Umgang mit realer Gewalt vorbereiten. Ganz konkrete Ziele sind, bei einem Angriff nicht verletzt zu werden oder bei einem Überfall nicht bestohlen zu werden. Das Training soll Dir, etwas überspitzt gesagt, Geld und Schmerzen sparen. Aber Training ist teuer und gutes Selbstschutztraining geht mit einigen Schmerzen einher. Wenn ernsthaft trainiert wird, dann wird man auch mal hart geschlagen. Mit Schmerzen umgehen zu lernen, ist sehr wichtig. Wenn ich einmal pro Jahr ausgeraubt und geschlagen werde, dann habe ich etwa 100 Euro Verlust und ein blaues Auge pro Jahr. Ich gebe sehr viel mehr Geld für Unterricht aus und die Chance, ein blaues Auge zu bekommen, ist im Training wahrscheinlich größer.

Aus dieser Perspektive ist Training nicht zielführend. Natürlich gibt Personen und Umstände, in denen die Gefährdung sehr viel massiver ist. Mit Gewalt umgehen zu können, ist wichtig. Aber wenn Du 100 Stunden im Jahr trainierst, um im Ernstfall zu Deiner Familie zurückzukehren, dann fehlst Du Deiner Familie jedes Jahr für 100 Stunden. Die Moral ist sehr simpel, wer viel Zeit, Geld und Arbeit investiert, der sollte das Training auch genießen können. Jeder sollte Grundkenntnisse erwerben, aber irgendwann kommt der Punkt, wo es nur noch um Spaß geht. Freust Du Dich jede Woche zum Training zu gehen?

Kritisches Denken

Du weißt, was Du willst. Du hast Deine Optionen in Erkundung gebracht. Du hast Spaß am Training. Trotzdem möchte ich Dir einen letzten Ratschlag mitgeben. Denke immer mit und hinterfrage Dein Training. Kein Trainer weiß alles. Wenn Dein Trainer immer auf alles eine Antwort weiß, dann solltest Du seine Antworten überprüfen. Schalte nicht Dein Hirn aus. Bei Gewalt kommen oft Angst, hoher Stress und wenig Erfahrung zusammen, weshalb Du niemals einfach die Ansichten anderer übernehmen solltest.

Hat Dein Trainer wirklich Ahnung? Ergibt Dein System wirklich Sinn? Welche Inhalte fehlen? Werden alles Aspekte gleichwertig behandelt oder kommt ein Thema immer wieder dran? Werden die Teilnehmer gut behandelt? Sind andere Meinung erlaubt oder werden Alternativen ausgeschlossen? Dürfen die Teilnehmer auch an Veranstaltungen von anderen Systemen oder Vereinen teilnehmen? Stimmt das Unterrichtsziel mit den Inhalten überein? Auf welchen Informationen basieren die Inhalte? Lassen sie sich überprüfen? Kann der Trainer Informationsquellen benennen? Wurden die Quellen auch vom Trainer hinterfragt? Funktionieren die Lösungen nur für Menschen, die dem Trainer ähneln oder für alle? Können die Lösungen an spezielle Personen oder Umstände angepasst werden? Bleiben die Inhalte immer gleich oder entwickelt sich auch der Trainer mit der Zeit weiter?

Das sind nur Fragen, die mir im ersten Moment einfallen. Du musst gegenüber Deinem Trainer und Deinem Training eine kritische Haltung annehmen. Immerhin steht im allerschlimmsten Fall Dein Leben auf dem Spiel. Aus diesem Grund ist es Deine Pflicht, alles zu hinterfragen und nach besseren Informationen zu suchen. Ein guter Trainer weiß das zu schätzen und fördert es. Sieht Dein Trainer dies anders … Na ja, den Schluss kannst Du selbst ziehen.

Jetzt liegt alles an Dir. Finde gutes Training, das zu Dir passt. Entwickle Dich weiter. Lerne mit Gewalt umzugehen. Habe Spaß dabei. Werde eine bessere Version von Dir. Hab ein gutes Leben. Ich hoffe, Du kannst mit all diesen Informationen Deinen Unterricht neu bewerten und verbessern. Wenn Du Fragen hast, dann melde Dich einfach bei mir. Ansonsten gutes Gelingen.


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