Gedanken über Didaktik – Teil 2: Das System

Struktur + Hierarchie = System?

In der Selbstverteidigungswelt gibt es einen starken Drang zur Systembildung. Sobald jemand sich einen eigenen Namen für sein Training ausdenkt, eigene Ideen einbringt oder sich einfach von der Konkurrenz absetzen möchte, dann ist ein neues System geboren. Im Grunde spricht absolut nichts dagegen. Das Hauptproblem sehe ich nicht in der Strukturierung von anwendungsorientierten Inhalten. Systematisierung beinhaltet eine Struktur zu erstellen:

  • Was wird unterrichtet und was nicht?
  • In welchem Format werden die Inhalte angesprochen?
  • Welche Übungen werden genutzt?
  • Was ist das Ziel des Unterrichts?
  • Wird der Leistungsstand getestet?
  • Gibt es Prüfungen?

Der zweite Schritt einer Systematisierung ist die Wertung innerhalb der erstellten Struktur. Organisiertes Lehrmaterial ist klar definiert hinsichtlich Form, Inhalt, Zielsetzung und didaktischer Methodik, aber eine Hierarchie erlaubt die Struktur an sich zu strukturieren. Wird jedes Thema und jede Technik gegeneinander gewertet, dann wird das Wichtigste ersichtlich und der Unterricht wird effizienter:

  • Welche Themen werden zuerst angesprochen?
  • Gibt es verschiedene Stufen?
  • Bauen diese aufeinander auf?
  • Müssen sie nacheinander erlernt werden?
  • Was sind die Grundlagen?
  • Sind die einzelnen Aspekte voneinander abhängig, interaktiv oder funktionieren sie autark?

Bis zu einem gewissen Grad ist diese Strukturierung notwendig, ansonsten werden zwei verschiedene Teilnehmer nicht dieselbe Qualität erhalten. Klar organisierte Lehrinhalte können mit demselben Effekt wiederholt beigebracht werden. Ebenfalls muss eine Hierarchie von Trainingsinhalten bestehen. Der geringe Zeitraum, der durchschnittlich für das Training zu Verfügung steht, erzwingt Effektivität. Die Bewertung der Techniken lässt die Teilnehmer lernen, was für ihren Alltag am wichtigsten ist. Schließlich sollte man nicht als allererstes Schusswaffenabwehr lernen.

Darüber hinaus ist Strukturierung und Hierarchie nicht nur notwendig, sondern auch hinreichend wichtig. Wenn ein Lehrer das eigene Material wirklich durchdrungen und verstanden hat, dann bringt eine funktionelle Organisation den Unterricht auf das nächste Level. Die Präsentation kann verbessert werden oder es werden Querverbindungen der einzelnen Aspekte deutlich. Außerdem werden überflüssige Übungen oder umständliche Erklärungen deutlich. Bis hierhin haben wir eine inhaltliche oder innere Systematisierung besprochen, die essenziell ist und keine Nachteile hat.

Institutionalisierung

In den meisten Fällen dient die innere Systematisierung nur als Einleitung (oder wird sogar übersprungen) und dann beginnen die Probleme. Wird die Verbindung aus Struktur und Hierarchie formalisiert und nach außen getragen, dann ist das eine Institutionalisierung oder äußere Systematisierung. Institutionen sind grundsätzlich ein festgelegter Komplex aus Inhalten, Prozeduren und Methoden, aber das Hauptmerkmal ist Eigenständigkeit. Eine Institution ist unabhängig von einer Einzelperson und schützt ein definiertes Ziel vor personeller, sozialer oder rechtlicher Beeinflussung.

Es gibt diverse gesellschaftliche Komplexe, bei denen eine Institutionalisierung nicht nur hilfreich, sondern auch unerlässlich ist. Wie sollte ein Rechtsstaat funktionieren, wenn die Rechtsprechung nicht unabhängig von den Ansichten eines einzelnen Richters oder dem sozialen Druck eines angesehenen Angeklagten ist. Zwar gibt es Missstände und Missbrauch, aber die Institutionalisierung des Rechts verhindert das Schlimmste.

Selbstschutz hingegen wird in seiner Effizienz gehindert, wenn der Unterricht institutionalisiert wird. Zwar ist es vorteilhaft, dass die Lehre nicht mehr an einen einzelnen Trainer gebunden ist, aber die Nachteile überwiegen. Des Weiteren kann diese Loslösung auf anderen Wegen effizienter erreicht werden. Der Kern des Problems ist die Individualität persönlicher Sicherheit. Jeder Mensch braucht andere Lösungsansätze für andere Gefahren unter anderen Umständen. Jeder Mensch hat andere Fähigkeiten und Hemmungen, kann mit anderen Hindernissen umgehen und leidet an anderen Konsequenzen. Aber Institutionalisierung schlägt Individualität.

Detailfragen, Detailprobleme

Praktisch existieren eine Reihe von Problemen bei stark institutionalisieren Selbstschutzsystemen. So wollen in der Realität alle Trainer, auch ich, ihren Kunden Trainingseinheiten verkaufen. Aber Institutionen neigen dazu, eine Person dauerhaft an sich zu binden und keinen Endpunkt zu sehen. Um Kunden bei der Stange zu halten, kann ein Gefühl vermittelt werden: „Mit dem nächsten Training bist Du sicher!“ In einem System bedeutet dies, es muss immer ein nächstes Level geben. Aber welcher normale Mensch braucht schon Schusswaffenabwehr am Boden gegen mehrere Angreifer? Der Zwang etwas Neues zu erschaffen, um es zu verkaufen, kann zu praxisfernen Inhalten führen.

Dieses Problem lässt sich allerdings bei einem Trainer mit einem Mindestmaß an Ehrlichkeit und Demut leicht verhindern. Viel schlimmer wiegen zwei weitere Hindernisse. Das starre System der Trainingsinhalte verhindert die Entwicklung von Flexibilität und Improvisationsfähigkeit. Alle Anwendungen, Techniken und Szenarios sind in verschiedenen Level organisiert, aber diese Brüche sind nicht natürlich. Es ist unmöglich, alle Konstellationen, in denen Gewaltsituationen vorkommen können, abzubilden. Deshalb ist es zwingend notwendig, dass der Verteidiger sich an unvorhergesehene Umstände anpasst. Ein starres System arbeitet dagegen an.

Für die Debatte ließe sich hier festhalten, dass auch Improvisieren Teil des Systems sein kann. Das ist korrekt. Meine Erfahrung mit diversen Selbstverteidigungssystemen spricht dagegen. Vielleicht habe ich auch nur die falschen angesehen. Das letzte und größte Hindernis liegt noch vor uns. Wenn ich jahrelang ein System trainiere, viel an Zeit, Geld und Arbeit investiere, dann glaube ich beinahe automatisch, dass mein System das beste ist. Das ist sehr menschlich. Immerhin wäre ich ja ein Idiot, alle meine Ressourcen in etwas gesteckt zu haben, was nicht am besten ist oder im schlimmsten Fall sogar richtig schlecht ist. Und ich bin bestimmt kein Idiot!

Menschen überschätzen die Systeme, an denen sie teilhaben. Sie hinterfragen die Inhalte nicht mehr und missachten aktiv andere Möglichkeiten. Wir sprechen hier aber über den Schutz vor Gewalt und Gefahren. Hier ist kein Platz, um potenziell bessere Lösungen zu ignorieren. Selbstschutztraining muss die Eigenständigkeit des Individuums über die Eigenständigkeit des Systems stellen.

Was ist die Alternative?

Ich will also kein neues System kreieren. Aber was dann? Ich finde Begriffe, wie Konzept, Programm oder Methode treffen es besser. Ehrlich gesagt, ist es völlig egal. Ich will, dass ein Judoka, ein MMA-Wettkämpfer, jemand, der Selbstverteidigung oder Combatives trainiert, und jemand, der noch nie etwas in die Richtung gemacht hat, meine Inhalte lernen können und danach geschützter sind. Ich will in ein Krav Maga-Studio gehen können und alle Teilnehmer verbessern, ohne zu entwerten, was sie schon vorher wussten.

Die Kunst ist das Positive der inneren Systematisierung mitzunehmen, ohne in die Falle der äußeren Systematisierung zu tappen. Kein Trainer sollte jemals denken, dass er alle Antworten hat. Kein Schüler sollte dauerhaft bei einem Trainer sein. Irgendwann müssen neue Informationsquellen gesucht werden. Und kein Inhalt steht über jeden Verdacht erhaben.

Methodisches Training kann klar strukturierte und gewertete Inhalte haben, erlaubt aber gleichzeitig mit anderen Überlegungen kombiniert zu werden. Außerdem fördert gutes Training das kritische Denken der Teilnehmer und lässt jeden seinen eigenen Weg beschreiten. Wir alle brauchen neue Überlegungen und Ansichten zur Bildung neuer Einsichten und Neuronen. Deshalb ist Critical Response kein System, sondern Ansatz für alle, die realistischen Selbstschutz lernen wollen.

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